9/16/2009

Es war einmal...

Ja, heute ist Märchenstunde. Vor allem deshalb, weil ich noch gut achtzig Seiten in "The Modern Instance" zu lesen habe. Für die von euch, denen der Name William Dean Howells (UNA-Lit.) etwas sagt, das war sein wohl größtes Werk... damals sehr bekannt, heute kaum noch gelesen, gehört, aber halt in den Bereich Realism... usw.

Zu meinem Märchen. Ich dachte, ich beginne mal dort, wo die Frage: Warum gerade die Südstaaten? anfängt. Ich bin in New Orleans, was Teil der Südstaaten ist, wenn auch nicht unbedingt Teil der USA. Doch darüber lässt sich streiten, und gelegentlich amüsieren wir uns in unserem Literary New Orleans-Kurs damit zu beschreiben, in wie weit N.O. amerikanisch ist und in wie weit halt nicht. Mein Dozent vertritt die Ansicht, dass gerade Katrina die Amerikanisierung beschleunigt hat, doch tatsächlich hat schon Lafcadio Hearn in den 1880ern (wars, glaub ich) darüber sinniert, wie schnell N.O. amerikanisch wird...

Nun, ich bin zum ersten Mal hier. Ich kann nicht wirklich sagen, wie sehr sich NOLA verändert hat, für mich begann Alles als ich das erste Mal "Fackeln im Sturm" im Fernsehen sah. Ich war fasziniert von der Geschichte, und bin es noch. Der Amerikanische Bürgerkrieg ist wohl eine der besten Geschichten, die Geschichte überhaupt schreiben kann, doch sie ist so verzerrt, besonders durch Bücher wie "North and South" (der Originaltitel des Buches von John Jakes zur Serie) und natürlich "Gone With the Wind", dass man sie wohl nur noch als Geschichte und nicht mehr als Geschichte ansehen kann. Es wird weitererzählt... und manchmal wissen halt auch Geschichtsprofessoren nicht mehr, was sie glauben sollen... himmel, ich schwafle. Entschuldigt, ich versuche, zurückzukommen, aber...

Also, ich schaute also "Fackeln im Sturm", dann las ich das Buch, die Bücher. Ich las "Vom Winde verweht", sah den Film, las "Scarlett" und so ziemlich alles von Alexandra Ripley und somit auch "New Orleans".
Ich hatte sooo viel über den amerikanischen Süden gelesen, dass ich nicht dachte, dass die Geschichte in N.O. viel anders sein kann als die in Charleston oder Atlanta. Doch New Orleans ist anders als alle anderen Städte im Süden, denn sie ist sowohl französisch als auch spanisch als auch afrikanisch, als auch kubanisch und haitianisch. Und ja, sie ist auch amerikanisch. Doch all diese Einflüsse, beschrieben in Ripleys Buch machten die Stadt für mich damals so unwiderstehlich, dass ich mir einen Dumont-Reiseführer kaufte, den ich heute noch habe und den ich heute hier habe. Das war vor 16 Jahren.

Ich habe damals darin gelesen, ich habe damals dort gelebt, so wie ich seitdem in vielen Städten der USA gelebt habe. Immer in meinem Kopf. Ich hatte zwischendurch vergessen, dass ich diese Vision einmal hatte, doch als sich die Frage stellt, wo will ich studieren, habe ich mich erinnert. Ich wollte noch immer nach New Orleans. Ich wusste und weiß, dass Norlins heute - nach Katrina - nicht mehr die selbe Stadt sein konnte. Ich war so geschockt, als ich die Bilder der Verwüstung sah. Es war eigenartig...

Doch deshalb bin ich hier. Ich wollte hier sein, und ich wollte sehen, was sich verändert hat, seit ich mir diese Stadt damals erträumt habe. Es tut mir leid, wenn ich ein bisschen sentimental wirke, oder bin - ich werde halt alt... macht nichts.

Ich sehe, warum jeder so überrascht war über meine Wahl einer Uni (obwohl es natürlich nicht hätte klappen können, aber soweit ich weiß, war ich die einzige, die New Orleans auch als erste Wahl hatte), ich weiß, warum einige gesagt, haben, dass ich doch wohl nicht dorthin gehen will, wo Hurrikanes alle paar Jahre alles verwüsten (und ich weiß, eure Besorgnis zu schätzen), ich war selbst ein bisschen überrascht und besorgt. Jetzt bin ich hier und weiß, dass es genau das war, was ich wollte und will. New Orleans ist eine tolle Stadt, ich bin sehr viel glücklicher darüber hier zu sein als an der Tulane zu studieren (könnte ich wählen, ich würde wohl heute LSU - Louisiana State University - wählen, die haben violett und gelb als Farben, was irgendwie cool aussieht, ich glaube ich werde mir ein LSU-shirt kaufen, statt eines Tulane-shirts *g*). Versteht mich nicht falsch, ich mag meine Kurse, die Dozenten sind großartig, ich bin bisher schon zufrieden mit meinen Leistungen - Tulane gibt mir nur ein Gefühl von Oberklasse (und ich meine nicht akademisch, ich meine rassistisch, ich meine klassenbezogen), für das ich mich nicht erwärmen kann. Vielleicht ist es überall hier so und ich verschließe nur die Augen davor. Doch ich lebe in einer Stadt, die überwiegend Afro-Amerikanisch ist und ich studiere an einer Uni, und der Campus kann sicherlich als Mikrokosmos einer Stadt gesehen werden, an der vor allem Weiße studieren... es sollte mich nicht überraschen und wahrscheinlich tut es das auch nicht. Es ist nur einfach falsch.

Ich bin mir in New Orleans meiner Hautfarbe sehr bewusst. Ich bin weiß. Das ist ein neues Gefühl, es macht mich hilflos, es macht mich wütend, es macht mich zum Rassisten, es macht mich zum überheblichen Beschützer afro-amerikanischer Rechte, ich bin hier völlig verkehrt, ich schäme mich für Sklaverei (das ist etwas Neues im Angesicht dessen, dass ich Deutsch bin und mich bisher lediglich für den Holocaust schämen musste), ich schäme mich, weiß zu sein. Ich schäme mich, Privilegien zu haben, ich schäme mich, dass ich hier bin... das ist vermutlich alles quatsch, ich weiß nicht... ich lösche es, oder vielleicht auch nicht. Ich bin sehr verwirrt darüber, wie ich mich hier selbst empfinde und welches Recht ich überhaupt habe, etwas zu empfinden. Es geht hier nicht um mich, after all. Ich bin nur Tourist und stelle mich dabei nicht besonders geschickt an.

Was ich sagen will, ist dies: ich habe Heimweh.

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